Egerland

Land, Leute und Kultur


Ein Kommentar

Altkinsberg (Stary Hroznatov)

Die in einem früheren Beitrag beschriebene Wallfahrtsanlage Maria Loreto liegt dicht bei dem Ort Altkinsberg (Stary Hroznatov), beide gehören zu der nahen Stadt Eger (Cheb). Der am Muglbach gelegene Ort und die auf der Anhöhe darüber liegende Burg wurden 1217 erstmals urkundlich als „Kiensberg“ erwähnt. Die Burg und das dazu gehörige Gebiet waren ein Lehen der Kaiserburg der Staufer in Eger an den Reichsritter Heinrich von Künsberg.
Woher der Name „Kiensberg“ stammt, ist offenbar nicht eindeutig geklärt. Die Manchen als naheliegend erscheinende Herkunft von „Kien“, wie in Kienspan, also harzreichem Kiefernholz, wird von profunden Kennern der egerländrischen Mundart gerade aus sprachlichen Gründen für nicht wahrscheinlich gehalten, da dieses auf Egerländrisch „Käi(n)huulz“ heißt, der Ortsname auf Egerländrisch aber „Åltkii(n)sbäach“ gesprochen wurde. Auch eine Ableitung von „König“ erscheint sprachlich und historisch unwahrscheinlich. Stammsitz derer von Künsberg war offenbar die Burg Kindesberg bei Creußen. Ob der Name „Kiensberg“ bzw. „Kinsberg“ damit in Zusammenhang steht?

Die Burg  Kinsberg, und damit der Ort, hatten in den folgenden Jahrhunderten wechselnde Besitzer, Der Name blieb über fast 800 Jahre immer gleich, nur die Schreibung änderte sich etwas. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden im Jahre 1631 Burg und Ort von schwedischen Truppen geplündert und in Brand gesetzt. Auf der zerstörten Burg begannen sie das heutige Schloss Altkinsberg aufzubauen. 1648 verwüsteten schwedischen Truppen erneut Kinsberg und die Bergkirche. Der aus schwarzem Schiefer erbaute „Schwarze Turm“, der Bergfried der alten Burg, hatte die Angriffe unbeschadet überstanden. Egerer Jesuiten erwarben Kinsberg als Besitz, neben Burg, Ort und Ländereien gehörte dazu auch die oberhalb der Burg gelegene Bergkirche. Ab 1658 erbauten sie auf den Ruinen der Wohngebäude der alten Burg das heutige Schloss. An Stelle der zerstörten Bergkirche wurde ab 1664 von den Jesuiten die Wallfahrtsanlage Maria Loreto mit dem großen Kreuzweg aufgebaut.

Johann Wolfgang von Goethe hatte im Sommer 1822 Altkinsberg besucht. Dabei hatte es ihm besonders der alte Turm der Burg Kinsberg angetan. Er schrieb an seinen Sohn August: „Schloß Kinsberg an der bayerischen Gränze. Der ganz erhaltene, auf dem quarzigen Thonschiefer unmittelbar ausstehende, runde Thurm ist eins der schönsten architektonischen Monumente dieser Art, die ich kenne, und gewiß aus den besten römischen Zeiten; er mag achtzig Fuß hoch seyn und steht als colossale toscanische Säule, unmerklich kegelförmig abnehmend. Aus Thonschiefer gebaut, schlingen sich verschiedene Banden gleichförmiger Steine horizontal um ihn herum, wie sie der Bruch liefern mochte; kleine röthliche, die man fast für Ziegeln halten könnte, behaupten ringförmig ihre Region; graue plattenartige, größere bilden gleichfalls ihre Cirkel oberwärts, und so geht es ununterbrochen bis an den Gipfel, wo die ungeschickt aufgesetzten Mauerzacken neuere Arbeit andeuten.“ In einem anderen Brief (an J. C. F. Schulz) schrieb er: „Der viereckte Thurm auf der Eger Citadelle ist vielleicht das Festeste an Gestein und Bauart; dagegen ist mir der runde in Kinsberg als das Eleganteste vorgekommen, was ich in dieser Art gesehen habe.“ Und er schwärmte weiter: „[…] denn ich sage nicht zu viel, stünde dieser Thurm in Trier, so würde man ihn unter die vorzüglichsten dortigen Alterthümer rechnen; stünde er in der Nähe von Rom, so würde man auch zu ihm wallfahrten.“

Kinsberg erreichte auch Bekanntheit durch die Herstellung von Töpferwaren. Auf der anderen Seite des Loretoberges, zum Tal der Wondreb hin gelegen, befanden sich Tonvorkommen von hoher Qualität. 1794 wird der Ton beschrieben: „Dieser ist von einer hellgrauen, etwas ins Gelbe ziehenden Farbe… im Bruche ist er erdig, ganz matt und fühlt sich fettig und fein an. Dieser Thon… verdient wegen seiner Geschmeidigkeit beym Bearbeiten und wegen seiner Festigkeit nach dem Brande, noch vor dem Wildsteiner den Vorzug.“ Aus diesem Ton wurden Mineralwasserkrüge für die Brunnen von Eger und Franzensbad, aber auch für die vom Waldsassener Rentamt verwalteten Brunnen in Hardeck, Kondrau und Wiesau hergestellt. Dies führte zur Bildung einer neuen Siedlung, die Neukinsberg genannt wurde, als Unterscheidung zum alten Kinsberg, das von nun an Altkinsberg hieß. Ab 1831 wurde Mineralwasser in Flaschen aus Glas versandt, sodass nun auch andere Tonwaren in Kinsberg hergestellt wurden, wie Rohre, Ziegel, Ofenkacheln, Krautfässer und Viehtränken.

Nach der Vertreibung der Egerländer wurde Altkinsberg willkürlich umbenannt, nach dem mittelböhmischen Adligen Hroznata von Ovenec, der 1217 während seiner Gefangenschaft im Schwarzen Turm von Kinsberg (bzw. damals „Kiensberg“) umgekommen sein soll. Die Römisch-katholische Kirche sprach ihn 1897 selig.
Wie so viele andere Orte im Egerland verfiel auch Altkinsberg in den folgenden Jahrzehnten, Häuser und Gebäude wurden geplündert bzw. teilweise zerstört. Nach 1991 wurde die Wallfahrtsanlage von Maria Loreto durch einen Förderverein aus Waldsassen aufwändig renoviert und rekonstruiert. Am Schloss und der Schlosskirche finden derzeit Restaurierungsarbeiten statt.

Literatur / Quellen:
Buch:
Eger und das Egerland – Volkskunst und Brauchtum, Hrsg. L. Schreiner, Verlag Langen Müller, ISBN: 3-7844-2178-4

Internet:
Wikipedia: Kinsberg (Altkinsberg, Neukinsberg)
Maria Loreto: Zeittafel
Johann Wolfgang von Goethe: Briefe 1822
Johann Wolfgang von Goethe: Briefe 1827
Mineralwasserkrüge Eger und Franzensbad
Alte Postkarte: Schloss Altkinsberg (1901)
Alte Postkarte: Schloss Altkinsberg (vor 1929)

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Palitz (Palic) Kirche Kirchturm


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Koan Glöckerl klingt

Kürzlich stieß ich auf ein schönes egerländrisches Gedicht, das mich so sehr an die Bilder aus Palitz denken ließ, die ich in meinem letzten Beitrag gezeigt habe.

Koa(n Glöckerl klingt

Du gäihst durch’s Lånd
durch Föld und Wies
und spürst, dass ålls dåu ån(d)arscht is.

Da Wold is gräi(n,
aa’s Lercherl singt,-
owa(r in dir koa(n Glöckerl klingt.

D’Leut ria(d)n sua vül
in ihra Språuch;
aa‘s Greina steigt dir dåu hoch.

Und’s Herz is krånk,
groaß is sa(n Naot,
wal ma uns d‘Hoimat gnumma håut.

[Greina = Weinen]

Heike Huber (*1926 in Schönbach bei Eger)

Quelle:
Egerland – Landschaft und Menschen in der Dichtung. Hrsg.: Josef Suchy, Alfred Görgl, Otto Zerlitz. Verlag Langen Müller, 1984. ISBN: 3-7844-2013-3