Egerland

Land, Leute und Kultur

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Ein Kommentar

Bräuche im Egerland: Silvester und Neujahr – „Ich wünsch Enk a glücksöllich’s nei’s Gåu(h)a!“

Am 31. Dezember, an Silvester gab es auch im Egerland diverse Bräuche, die als Orakel helfen sollten, in die Zukunft zu sehen. Nach dem Abendessen wurde z.B. das heute noch weit verbreitete Bleigießen durchgeführt. Beim „Knödelkochen“ wurden in die rohen Knödel Zettel mit Sprüchen, Wünschen oder Namen hineingetan, und beim Kochen kam es dann darauf an, welcher dieser Knödel zuerst an die Oberfläche kam. Beim Pantoffel- oder Schuhwerfen wurde ein Schuh über die Schulter nach hinten geworfen, zeigte die Spitze Richtung Tür, so wurde dies als gutes Zeichen gewertet.
Männer verbrachten die letzten Stunden des Jahres gerne in einer Gastwirtschaft in Gesellschaft. Um Mitternacht gab es vom Wirt ein Glas Grog oder Punsch auf Kosten des Hauses.

Der 1. Januar, der Neujahrstag wurde als Vorausschau auf das kommende Jahr gewertet.
Im Egerland hieß es:
“Wöi’s nei Gåu(h)a – sua-r-as gånz Gåu(h)a!”
[Wie das neue Jahr, so das ganze Jahr]
Was man an diesem Tag tat, das würde man auch das ganze weitere Jahr hindurch tun. Insofern war es besser, z.B. am Neujahrstag früh aufzustehen, sich korrekt zu kleiden, nichts zu kaufen oder zu verkaufen, nicht zu faulenzen oder zu stürzen und sich zu verletzen.

Früh am Morgen des 1. Januar gab es auch wieder das „Peitschen“, nur diesmal umgekehrt, wie am 1. Weihnachtsfeiertag: an Neujahr waren es die Mädchen, die nun die Burschen peitschten mit den ergrünten Barbarazweigen. Und es waren die gleichen Sprüche, die sie dazu aufsagten.

Im Laufe des Vormittags wünschten sich die Nachbarn, Verwandten und Bekannten „a glücksöllich’s neu’s Gåu(h)a“, oft mit dem Zusatz „uu a lång’s Lee(b’m danee(b’m“.
Bei Frauen gab es den Zusatz „uu an gout’n Moa(n‘ danee(b’m“.
Der Ehemann wünschte seiner Ehefrau „saa(n‘ gånza Löi(b danee(b’m“.

Es gab auch längere Neujahrssprüche:
„Wünsch a glücksöllich’s neu’s Gåu(h)a,
a-n-ålt’s Tüa(r’l uu a neu’s Tåua,
an Stool vulla Hörna,
an Buad’n vulla Körna,
an Beit’l vulla Göld,
dass-n ua(b’m wieada assaföölt!”
[Tåua = Tor, Stool = Stall, Buad’n = Getreideboden, ua(b’m = oben]

Ein allgemein üblicher Wunsch zum Neuen Jahr war:
„Ich wünsch a glücksöllich’s nei’s Gåu(h)a, wot’s enk wünscht’s wird wåu(h)a!“
[Ich wünsche ein glückseliges neues Jahr, was ihr euch wünscht, möge wahr werden!]

Waren die Neujahrsglückwünsche überall vorgebracht, insbesondere auch bei seinem Paten, wofür man oft ein Geldgeschenk erhielt, hatte man „s nei Gåu(h)a oogwunna“ [gewonnen]. Dann gings ins Wirthaus, „af’s nei Blout gäih(n“, also sich dort mit Wein oder Bier „frisches Blut“ anzutrinken.

Gegen Geldmangel im neuen Jahr sollte es helfen, etwas Hirsebrei zu essen, oder ein paar Löffel einer anderen Quellfrucht, wie z.B. Erbsen oder Bohnen.

Am Abend trank man dann wieder im Wirtshaus „die Schäi(hn“, also auf die (eigene) Schönheit.

In den Abendstunden zogen im Egerland ältere Frauen meist paarweise von Haus zu Haus, um mit dem Singen besonderer Neujahrslieder den Bewohnern Gutes zu tun und zu wünschen. Dafür bekamen die Sängerinnen Semmel und Brot, aber auch andere Gaben und Geldgeschenke, wofür sie sich üblicherweise mit einem doppelten „Vergelt’s Gott“ bedankten.

In der Gegend um Falkenau zogen noch bis zur Vertreibung der Egerländer jeweils am Neujahrstag die „Göllerlsinger“, oder auch „Gellerer“ oder „Gellerersänger“ von Haus zu Haus. Das Wort „gellen“ bedeutet „hell und durchdringend schallen“ und stammte vom mittelhochdeutschen „gellen“ bzw. althochdeutschen „gellan“ ab, was „laut rufen oder schreien“ bedeutete. Die Göllerlsinger machten mit großen Kuhglocken, Blechtöpfen und schweren Eisenketten großen Lärm.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war auch im Stadtkreis Eger das „Gollengehen“ üblich gewesen, wobei die Stadtjugend ordentlich Lärm schlug. Gegen dessen Auswüchse wurden wiederholt Verbote vom Rat der Stadt ausgesprochen. Dieser ließ als Alternative zwei Stadttrompeter von Haus zu Haus gehen, damit diese dort das neue Jahr „anblasen“. Dies taten sie auch vom Schwarzen Turm der Kaiserpfalz. Zusätzlich waren Stadtpfeifer in Uniform unterwegs, die vor den Hauseingängen ihre schwarzen Hüte schwangen mit der Frage „dürfen wir unsere Schuldigkeit tun?“ Wenn sie eingelassen wurden, spielten sie in der Wohnstube, oft nach einem sehr lauten Trommelwirbel, ihre Neujahrsmelodien.

In den Rockenstuben, in denen in früheren Zeiten das Garn gesponnen wurde, feierte man den Neujahrstag besonders, mit „Rockaböia“ [Böia = Bier], mit Musik und Tanz.

Der Neujahrstag galt im Egerland für das Wetter des kommenden Jahres als richtungsweisend:
„Neujahr hell und klar – bringt gutes Jahr!“

Literatur
Buch:
Eger und das Egerland – Volkskunst und Brauchtum, Hrsg. L. Schreiner, Verlag Langen Müller, ISBN: 3-7844-2178-4

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Bräuche im Egerland: Heiliger Abend und Weihnachten

Mit dem Heiligen Abend war auch im Egerland die Vorweihnachtszeit vorbei, endlich war Weihnachten!

In der bäuerlichen Kultur des Egerlandes gab es eine Reihe von Bräuchen, die eng mit der Landwirtschaft verbunden waren. Dabei gab es nicht nur die großen Bauernhöfe.
Der Großteil der Bevölkerung des Egerlandes lebte in Dörfern über das Land verteilt, das die Egerländer dereinst gerodet und urbar gemacht hatten, wo sie ihre Häuser und Höfe erbaut hatten.
Insofern hielt dort fast jeder als zusätzliche Nahrungs- und Einkommensquelle ein paar Tiere, und waren es nur ein paar Stallhasen, Hühner, Gänse, Ziegen oder auch ein, zwei Kühe oder Schweine. Solch ein Schwein wurde dann z.B. nach dem Mästen verkauft, um Geld für weitere Anschaffungen zu haben, auch wenn sich die Familie selbst öfter einmal einen guten Braten gewünscht hätte!
Außerdem bewirtschafteten viele, auch „nebenher“, ein mehr oder weniger großes Stück Land, das konnten der Hausgarten, oder auch ein oder mehrere Felder sein.

Am Heiligen Abend (24. Dezember) galt die Aufmerksamkeit daher zunächst den Tieren. Vor dem gemeinsamen Mahl der Familie bekamen die Tiere das sog. „G’leck“, eine Mischung aus Hafer, Kleie und Salz, und häufig auch Äpfeln und Nüssen. Wurde dies vom Großknecht oder der Großmagd verfüttert, so geschah dies mit den Worten: „Dåu schickt enk da Baua aa woos von Halinga Åum(b)d!

Die Hausherrin kümmerte sich in der Regel um die Vorbereitung des Festmahles. Außerdem hatte sie noch darauf zu achten, dass keine nasse Wäsche mehr auf der Leine hinge, denn das brächte Unglück.
Die Anzahl der Gäste sollte eine gerade Zahl sein, um Unglück zu vermeiden. Die Hausfrau sollte auch vom Tisch möglichst nicht aufstehen oder unnötig umhergehen, da sonst die Hennen nur wenige Eier legen und auch schlecht brüten würden.

Das Festmahl am Heiligen Abend bestand im südlichen Egerland oft aus einem Weihnachtskarpfen, der aus Teichen der Region stammte, die u.a. der Fischzucht dienten und im Winter abgelassen wurden.
Im Norden des Egerlandes gab es, wie z.B. auch im benachbarten Erzgebirge und Vogtland, den Brauch des „Neunerlei“, d.h. neun verschiedenen Speisen, von denen jede eine bestimmte Bedeutung hatte. Im Egerland bestand dies aus mindestens Fisch, Geselchtem (Rauchfleisch), Knödel, Weihnachtssemmel, Äpfel, Nüssen, Zwetschgen, Kaffee, Hutzel und Spalken(gedörrte Birnen), deren Kerne aufbewahrt wurden, um später als Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten zu dienen.
Als Abschluss des Mahles am Heiligen Abend wurde  im Egerland vom Hausherrn ein Apfel geteilt, wobei die Anzahl der Stücke, der Zahl der anwesenden Gäste entsprach. Wurde dabei ein Kern durchgeschnitten, bedeutete dies, dass es einen Todesfall geben würde. Es gab im Egerland auch den Brauch, beim Verteilen der Stückchen sinngemäß zu sagen, falls man sich einmal verirren sollte, dann brauche man sich nur an dieses Stück gegessenen Heiligabendapfel erinnern, um wieder den richtigen Weg zu finden.

Nach dem Mahl wurden Speisereste in den Garten gebracht und damit die Bäume „gefüttert“, damit auch diese wussten, dass Heiliger Abend ist und im nächsten Jahr reichlich trugen. Die Bauern machten das Gleiche dereinst auf den Feldern.

Im Kaiserwald, bei Karlsbad und im Erzgebirge schüttete man Essensreste in die Stauden, damit der „Zempa“ oder „Zempara“ etwas zu essen habe. Der „Zempa(ra)“ war ein besonderer Geist des Egerlandes. Er wird allerdings unterschiedlich beschrieben. Einerseits, wie in einem vorigen Beitrag, als Begleiter des Heiligen Nikolaus, mit Hörnern und einer langen Zunge. An anderer Stelle beschreibt man ihn als männliche Gestalt in weißem Gewand mit langem Spechtschnabel vor der Nase, Sichel und Messer wetzend. Manche mussten sich beim „Füttern“ der Bäume sehr fürchten, hieß es doch, dass ihnen dabei der „Zempa“ oder auch die „Sperte“, besonders wenn sie das Jahr über recht unfolgsam gewesen waren, den Bauch aufschlitzen und die Gedärme an den Zaun hängen würden. Andererseits durften die Egerländer, wenn sie am Heiligabend mit den Essensresten „den Zempara föitern“, im Folgejahr auf reiche Ernte hoffen.
Wenn ein Mädchen den Bäumen das Speiseopfer brachte, niederkniete und betete, und dann horchte, aus welcher Richtung Hundegebell kam, sollte sie auch wissen, wer ihr Künftiger sei, bzw. woher er komme.
Eine bekannte Bauernregel half den Ernteertrag des kommenden Jahres einzuschätzen:
„Christnacht viel Stern – viel Erdäpfel!“

1. Weihnachtsfeiertag (25. Dezember)
Der 1. Weihnachtsfeiertag war der höchste und größte Feiertag der ganzen Weihnachtsfeiertage.
Sehr früh, möglichst noch, bevor die anderen aufgestanden waren, machten sich die Burschen auf den Weg zu Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis. Dabei hatten sie Barbarazweige, also Zweige z.B. von Birken- oder Kirschenbäumen, geschnitten am Barbaratag (4. Dezember), die nun ergrünt waren, manchmal zusätzlich verziert mit roten Bändern oder grünen Seidenschleifen. Dies hatten sie dabei, um das auserkorene Mädchen damit auf Schultern, Rücken, und auch die entblößten Beine und Schenkel zu „peitschen“ während sie dabei einen der folgenden Sprüche aufsagten.
„Gråun, gråun,
üm-r-a gouts Peitschalåuhn“

„Frische, frische Krone,
ich peitsche nicht um Lohne;

ich peitsche nur aus Höflichkeit,
dir und mir zur Gesundheit!“ 

„Hupf wöi a Haas’l,
gråun wöi a Graas’l,
schloa-r-aas wöi a Felwastuak,
röich wöi a ålta Zieg’nbuak!“ 

“Schmeckt da Pfeffa gout,
wüllst di(ch läis’n?” 

Das „Läis’n“, also das „Lösen“, konnte dann erfolgen, indem das Mädchen dem auspeitschenden Burschen ein Stück Kuchen, eine Weihnachtssemmel, Eier, Schnaps oder auch manchmal Geld geben mussten.
Von den derart erkorenen Mädchen, Hausfrauen, oder auch dem weiblichen Gesinde, wurde diese Art der Behandlung als Ehre verstanden, zudem versprach dies auch Gesundheit, Glück und Segen. Dahinter stand die Vorstellung, dass sich die besonderen Kräfte der Rute, wie sie sich auch durch das Wort „gråuna“ ausdrücken, was „aufleben“ und „gedeihen“ bedeutet, dabei auf die Geschlagene übertragen.
Am 25. Dezember besuchten sich im Egerland üblicherweise Verwandte und Nachbarn und wünschten sich „glückselige Feiertage“. Nachmittags besuchten die Taufpaten, die „Tua(d)n“ ihre Patenkinder und brachten ihnen kleinere Geschenke.

2. Weihnachtsfeiertag (26. Dezember)
Am Tag des Heiligen Stefan erfolgten im Egerland wie bereits am Vortag Verwandtenbesuche, und Paten besuchten ihre Patenkinder mit Geschenken. Da der Heilige Stefan auch Patron der Pferde war, wurden an diesem Tag im Egerland die Pferde mit Bändern und anderem Schmuck ganz besonders herausgeputzt, dann mit ihnen der Stefansritt vollzogen, d.h. eine Kirche oder Kapelle umritten, und anschließend wurden sie kirchlich geweiht.

28. Dezember – Tag der unschuldigen Kinder
Der „Unschuldi Kinn’ltooch“ bildete im Egerland den Abschluss der Weihnachtsfeiertage.
Auch an diesem Tag fand das oben beschrieben „Auspeitschen“ statt.
Um Unglück zu vermeiden, wurde auch an diesem Tag nicht oder möglichst wenig gearbeitet.

Literatur / Quellen:
Buch:
Eger und das Egerland – Volkskunst und Brauchtum, Hrsg. L. Schreiner, Verlag Langen Müller, ISBN: 3-7844-2178-4

Zeitschrift / Periodicum (4 pro Jahr):
„Stimmen von Sandau“: „Der Heiligabendapfel“ (4/2013, 64. Jahrgang, S. 20f., Hrsg. und Abonnement Josef Plahl, Weilburg) 

Internet:
Neunerlei (Wikipedia)